St. Aurelius – Hirsau
Wenn Steine reden....

Beobachtungen und Überlegungen eines Mesners von St. Aurelius



Der neue Kirchenführer von St. Aurelius, erste Ausgabe im Jahr 2000, beginnt mit den Worten

„Wenn Steine reden könnten.“

Diese Worte von Pater Morand möchte ich umformen und sagen:

„Steine reden.“

Jedem von uns sind schon Menschen begegnet, die z.B. eine Schilddrüsenoperation oder schwere Gesichts­verbrennungen überstanden haben. Wir wissen das: die Narben sagen es uns.

Ähnlich ist es bei einem Bauwerk. Die Art und Beschaffenheit der Steine, ihre Anordnung und Bearbeitung können Auskunft über Bauabschnitte und Zeitepochen geben.

Die jetzige St. Aureliuskirche wurde 1955 nach über 400-jähriger Profanierung von den Künstlern H. O. Hajek und W. Geyer wieder zu einem Sakralraum umgestaltet. Seither ist die ehemalige Klosterkirche St. Aurelius ein Gotteshaus der kath. Kirchengemeinde von Bad Liebenzell / Hirsau.

Bekannt ist Hirsau vor allem wegen der Ruinen des Klosters St. Peter und Paul. Das Mutterkloster dieser großen Anlage, das kleine St. Aurelius, war noch vor 50 Jahren nur wenigen ein Begriff. Jetzt aber kommen viele Besucher in die alte Klosterkirche, die leider nur noch als Torso erhalten geblieben ist.

Ich kenne und liebe diese Kirche seit über 40 Jahren. 1991 kam ich in den Ruhestand und bin seither (mit 2 andern Leuten) Mesner in St. Aurelius.

Die Kirche ist sehr dunkel. Die Augen brauchen deshalb erst etwas Zeit, um sich auf den Lichtwechsel einzustellen. Und gerade diese Umstellung - vom Licht ins Dunkel, von der Hektik zur Ruhe - fällt vielen Menschen schwer.

Einige Leute öffnen die Seitentüre (z. Zt. der offizielle Eingang), stöhnen über die Dunkelheit, drehen sich um und gehen wieder. Andere fragen nach Licht und sind enttäuscht, weil es kein elektrisches Licht gibt. Einige wenige sind sogar empört und schimpfen über solche unzumutbaren Zustände. Manche kommen auch nach St. Aurelius, um sagen zu können: „ich war da“ - abgehakt.

Es ist interessant, die Zuhörer bei Klosterführungen zu beobachten. Die Aufmerksamkeit ist bei den einzelnen sehr unterschiedlich.

Auch eigene Interpretationen von Klosterführern habe ich schon gehört.

Sehr gerne unterhalte ich mich mit den Leuten, die für die Geschichte dieser Kirche aufgeschlossen sind, die Fragen haben und Details wissen möchten. Am interessantesten sind die Begegnungen mit Fachleuten. Dabei kann ich selbst Fragen stellen; so ist manche Vorstellung, manches Bild wie ein Puzzle vollendet und Neugierde in mir geweckt worden. Ich habe mir manche Steine und Kapitelle genauer angeschaut - und sie redeten zu mir. Danach habe ich einiges, das ich früher wie mancher Klosterführer weitererzählte, in Frage gestellt und überprüft.

Zu den folgenden Punkten möchte ich meine Überlegungen schriftlich festhalten:

1. Fenster von St. Aurelius

2. St. Aurelius: Grabungen

3. St. Aurelius: Wiederaufbau im 11. Jahrhundert

4. Nazarius – St. Bartholomäus




1. Fenster von St Aurelius

Abbildung 1: Nordseite, Mauerabsatz innen

Immer wieder hörte ich Klosterführer von den verschieden großen Fenstern reden: „Die Fenster der Südseite sind kleiner als die der Nordseite, damit der Raum gleichmäßig erhellt wird.“ Auch ich habe früher die Geschichte von den klugen Mönchen, die auf eine ausgewogene Ausleuchtung achteten, erzählt. Als mir aber bewusst wurde, dass diese Fenster bis 1955 nie Kirchenfenster waren, schaute ich sie genauer an. Die unterschiedlichen Größen konnten leicht erklärt werden.

Die Klosterkirche wurde 1585 zur Scheune umgebaut, also auch teilweise abgebrochen. An beiden Längsseiten sieht man ganz deutlich, in welcher Höhe mit der Neuaufmauerung der Außenwände begonnen wurde. Alle Fenster begannen mit der ersten neuen Steinlage (bis dahin wurde von oben her abgebrochen).

Abbildung 2: Südseite, 2. Fenster mit Rundbogen

Die untere Schielung am zweiten Fenster auf der Südseite beginnt etwas höher als die der anderen, weil der darunter liegende Rundbogen nicht abge­tragen wur­de.

Auf der Nordseite sind wahrscheinlich alte Fenster­gewände wieder eingebaut worden. Das Mauerwerk zwischen dem 4. Fenster (Adam) und der Rückwand ist vermutlich noch alt. In der ersten neuen Lage sind einige Steine unbearbeitet.

Darüber ist noch der Ansatz des Tonnengewölbes erkenn­bar

Abbildung 3: Nordseite, 4. Fenster

Die gleichmäßige Einteilung der Fenster ist von außen, nicht vom Kirchenschiff her, erfolgt. Im Innern sind Rundbögen zu sehen. Die Öffnungen sind aber nicht axial angeordnet; sie können also keine Kirchenfenster gewesen sein.


2. St. Aurelius: Grabungen

In den 30er Jahren wurden in der Aureliuskirche Grabungen durchgeführt. Der Grabungsleiter, Erich Schmidt, schrieb, dass Bau I (rot) aus vorkarolingischer Zeit stamme. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er allerdings erst in den 50er Jahren. (Hirsau, St. Peter und Paul, 1091 – 1991, Band 1, M. Putze).

Abbildung 4: Grundrisse

Albrecht Kottmann, Baudirektor in Stuttgart, befasst sich vor allem mit alten Maßeinheiten. Bei einem Gespräch sagte er mir, dass dem Grundriss von Bau I die Ellenlänge von 28,5 cm zugrunde liege; diese Maßeinheit sei von der Lorscher Bauhütte verwendet worden.

Ich bin überzeugt, dass die in der Aureliuskirche ergrabenen Fundamente (1. Bauphase) die Grundmauern von St. Nazarius sind.


3. St. Aurelius: Wiederaufbau im 11. Jahrhundert

Abbildung 5: Halbsäule mit Basis auf dem Mauerabsatz
Abbildung 6: Verbundstein mit angeformter Rundung

Das Kloster und die Kirche St. Aurelius (2. Bauphase) von 830 soll um das Jahr 1000 baufällig gewesen sein. Papst Leo IX. hat im 11. Jh. den Wiederaufbau veranlasst. Es ist daher anzunehmen, dass die Grundmauern der alten Kirche noch in Ordnung waren, dass also auf den Fundamenten und den untersten Steinlagen der ersten Aureliuskirche mit dem Wiederaufbau begonnen wurde. Die verschieden hohen Halbsäulen an den Außenwänden, die auf den ungleich hohen Mauerabsätzen beginnen, können nur so erklärt werden.

Die Halbsäulen bestehen aus senkrechten Steinen mit einer vorstehenden Rundung. Sie müssen mit dem Mauerwerk der Außenwand hochgeführt worden sein, denn nach einer Höhe von ca. 1,10 m wurde ein breiter waagrechter Stein mit angeformter Rundung einge­mauert.

Abbildung 7: Kapitell einer Halbsäule in der Südwand

Die Kapitelle der Halbsäulen dienten als Auflager für die Einwölbung der Seitenschiffe. Sie haben die gleiche Form wie die der Mittelschiffsäulen.


4. St. Nazarius – St. Bartholomäus

Auch wenn in diesem Abschnitt wenig von Steinen geredet wird, möchte ich dennoch zu den angeführten Kirchen meine Überlegungen niederschreiben.

Eine alte Legende berichtet, dass eine „... edle und reiche Wittib ... ein Kapell zu S. Nazarius genannt ... unten an dem Ottenbronner Berg, ehe das alt Kloster aufgangen, gebauet“ habe (K. Greiner: Hirsau und seine Geschichte). Die Urkirche Hirsaus, so glaubte man, sei auf der kleinen Anhöhe nahe der Aureliuskirche am Ottenbronner Berg gestanden.

Bau der Eisenbahnstrecke im Jahre 1874 wurde an dieser Stelle ein Einschnitt vorgenommen, es wurden aber dort weder Steine noch sonst ein Hinweis auf ein Gebäude gefunden.

Mönch und Chronist Berthold von der Reichenau berichtet von einer Kirche in Hirsau, die unter König Pippin (er regierte bis 768) gebaut wurde. Es kann sich dabei nur um die Nazariuskirche gehandelt haben.

Reliquien des heiligen Nazarius kamen 765 nach Lorsch. Vier Jahre später schenkte ein Vorfahr der Calwer Grafen dem Kloster Lorsch einen Teil seines Besitzes in Gültstein (bei Herrenberg). Wahrscheinlich kamen um diese Zeit die Nazarius-Reliquien nach Hirsau.

die Gebeine des heiligen Aurelius nach Hirsau überführt wurden, war die Nazariuskirche etwa 70 Jahre alt. Zunächst wurden die Reliquien in St. Nazarius aufbewahrt; für Aurelius wurde nun eine größere Kirche gebaut. Nach dem Bau von St. Aurelius erscheint der Name „Nazarius“ nie mehr in Aufzeichnungen (mir ist jedenfalls nichts davon bekannt). Es gibt auch keinen Hinweis auf den Abbruch von St. Nazarius.

Molitor schreibt in „Hirsau – St. Peter und Paul - 1091-1991“ Band 2 :

„... Hirsau wurde zwischen 765 und 768 durch den „Senator“ Erlafried gegründet. Für die Gründung kommen das Nazarius- und das Petruspatrozinium in Betracht. Ohne Zweifel hat dann unter Ludwig dem Frommen ein Nachkomme des Hirsauer Gründers ... die eher unbedeutende Einrichtung seiner Familie im Schwarzwald durch die Beibringung der Aureliusreliquien aus Oberitalien aufzuwerten und neu zu beleben versucht ...“

Die Annahme, dass St. Nazarius am Ottenbronner Berg stand, kommt vermutlich von dem sogenannten „Stifterbild“ her (1480). Der Maler hat darauf einige Gebäude festgehalten. Das Kirchlein am Berg wird allgemein als Nazariuskirche gedeutet.

Ob der Maler überhaupt wusste, dass in Hirsau einmal eine Nazariuskirche gestanden hat? Seit ihrer Erbauung waren rund 700 Jahre vergangen. St. Bartholomäus, die Kirche fürs „Volk“, war ihm sicher bekannt. Sie war die Pfarrkirche für die weit verstreut liegenden Höfe und Weiler der Umgebung (K. Greiner, Hirsau und seine Geschichte).

Diese Kirche auf dem Hirsauer Friedhof, wahrscheinlich im 10./11. Jh. erbaut, wurde 1782 abgebrochen. Erbauer von St. Bartholomäus war vermutlich das Kloster Reichenau. Es hatte im 11. Jh. Besitzungen in unserer Gegend – in Hirsau nördlich des Kropfbaches. Auch das Patrozinium weist auf die Reichenau hin. Bartholomäus wurde im Inselkloster verehrt, jedoch nicht in Hirsau (K. Greiner).

Das Kirchlein am Berg, das auf dem Stifterbild zu sehen ist, liegt höher als das Aureliuskloster. Auch für St. Bartholomäus (Friedhof) trifft das zu.

Dem Maler des Bildes ging es sicher nicht um die geographische Lage der Berge, sondern um die Tatsache, dass an einem Berg eine Kirche stand.

Abbildung 8: Ausschnitt aus dem Stifterbild von 1480

Wenn man das Bild genau anschaut, sieht man mehrere Leute, die zu der Kirche am Berg gehen. Mönche sind aber nicht erkennbar.

Es zeigt Einzelheiten genau, auch wenn St. Aurelius perspektivisch verzerrt ist. Eine Begegnung wie auf dem Gesamtbild geschildert (Aurelius, Benedikt, Calwer Graf) hat es nie gegeben.

Das Bild ist also keine authentische Darstellung - und will es auch gar nicht sein.

Das Kirchlein am Berg hat große Ähnlichkeit mit St. Candidus, Kentheim. Von ihm schreibt K. Greiner, dass „St. Bartholomäus und das alte Kentheimer Kirchlein (vor 1957) fast in Maß und Form übereinstimmen“ (auch Kentheim wurde vermutlich vom Kloster Reichenau gebaut.

Ich glaube, dass das Kirchlein am linken Bildrand St. Bartholomäus und nicht St. Nazarius ist.

Das erste Gotteshaus in unserer Gegend wurde in der Nähe einer Wegkreuzung gebaut (K. Greiner: Wo vorgeschichtliche Wege aus Ost, Süd und West zusammentrafen). Es wurde etwa 70 Jahre später von der ersten Aureliuskirche „verschluckt“. Von der kleinen Nazariuskirche war nie mehr die Rede.

Es kam im frühen Mittelalter gelegentlich vor, dass die neu zu bauende Kirche teilweise oder ganz um die alte herum gebaut wurde. Warum nicht auch in Hirsau?


Zusammenfassend möchte ich festhalten:

  1. Die jetzigen Fenster von St. Aurelius waren nie Kirchenfenster
  2. Die ergrabenen Fundamente (Bauphase 1) sind die Grundmauern von St. Nazarius
  3. Das Mauerwerk der Außenwände von unten bis zum Absatz stammt noch aus dem 9. Jh. Die erste und zweite Aureliuskirche haben im wesentlichen den gleichen Grundriss. Die Säulen im Mittelschiff und die Wandhalbsäulen wurden in der gleichen Bauphase im 11. Jahrhundert errichtet.
  4. Auf dem Stifterbild stellt das Kirchlein am Berg nicht St. Nazarius sondern St. Bartholomäus dar.

Diese kleine Schrift soll Anregung zu eigenen Überlegungen geben. Vielleicht reden die Steine auch zu Ihnen.

Meine Frau hat mich tatkräftig bei dieser Arbeit unterstützt - herzlichen Dank.

Hirsau, im Mai 2001

Bruno Jeßberger